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St. Johann Baptist, Nideggen

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johannesEine Kirche in Nideggen wurde gleichzeitig erbaut mit der Burg um 1177 unter dem Grafen Wilhelm II. von Jülich. Wilhelm II. schenkte sie 1219 dem Deutschherrenorden. Am 1. April 1220 gewährte Erzbischof Engelbert I. von Köln das Personat dem selben Orden, der somit auch die Verpflichtung der Seelsorge in der Gemeinde erhielt. Um 1282 ging das Personat an die Johanniter über, die bis 1794 den Pfarrer der Gemeinde stellten. Graf Wilhelm V. gründete ein Stift, 1329 vom Papst genehmigt, und erbaute die zugehörige Kirche für das Stiftskapitel vor den Mauern der Stadt. Dorthin wurden 1342 die Gebeine der seligen Christina von Stommeln übertragen; 1568 wurde das Kapitel nach Jülich verlegt und die Gebeine der Seligen in der dortigen Kirche beigesetzt. Kirche und Stiftsgebäude gingen um 1650 an die Minoriten über und sind nach Aufhebung des Ordens 1802 verfallen.

1637 wurde der Turm durch Blitzschlag zerstört, weitere Zerstörungen erlitt das Gebäude durch die Kriegsereignisse 1648, so dass die Kirche erst 1657 wiederaufgebaut war. Im 18. Jh. richteten heftige Erdbeben erheblichen Schaden an. Eine umfassende Restaurierung geschah 1898 - 1900 nach Plänen von Dombaumeister Arntz, Straßburg. In den Kriegsjahren 1944/1945 wurde der nordwetliche Teil der Kirche vernichtet. Der Architekt Heinrich Lauer, NIdeggen, leitete den Wiederaufbau in den fünfziger Jahren. Am 31. Mai 1957 erfolgte die Weihe des neuen Altars.

Die Aufnahme rechts zeigt das um 1240 geschaffene Fresko auf der Apsiswand des Hauptchorsjohannes_fresco der Pfarrkirche. Es ist ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert, bei dem es sich um eine Ausmalung aus dem 13. Jahrhundert handelt, die man 1898 entdeckte und restaurierte. Die Malereien sind in einer für die damalige Zeit sehr charakteristischen Kalksecco-Technik ausgeführt worden, also auf eine über dem Kalkmörtelputz gelegte Kalktünche. Beim "Frescobuono" dagegen wird die Malerei in die noch weiche Mörtelschicht eingedrückt. Die Zerstörungen der Kirche im Zweiten Weltkrieg hatte es nicht unbeschädigt überstanden: so waren z.B. die Malereien im mittleren Fenster vernichtet, da über dem Fenster ein stellenweise 25 cm breiter Mauerspalt klaffte.

Das Abnehmen des Freskos war die einzige Möglichkeit, es zu retten. Dagegen wurde die Fensterzone wegen des Zerstörungsgrades und der unterschiedlichen Malerei vom Aachener Fresken-Konservator Franz Stiewi als zweitrangig beurteilt und ihre Sicherung lediglich anheim gestellt. Die Zerstörungen des Krieges und das Wetter hatten die Apsis in einen sehr Besorgnis erregenden Zustand versetzt. So (Zitat Stiewi) "hing die Putzschicht, an vielen Stellen zerborsten, nur noch im losen Zusammenhang, die provisorisch wenigstens bis zur Abnahme mit Leukoplast gesichert wurde."

Nachdem Stiewi am 28. April 1947 den Zustand des Freskos untersucht hatte, begann er am 7. August 1947 mit seiner Abnahme in der Konche, der muschelförmigen Kuppel der Kirchenapsis. Es wurde in einzelne Zonen aus einer ca. 2 mm starken Putzschicht zerlegt, in etwa 40 m² Betttücher aus Leinen verpackt, die die Bevölkerung zur Verfügung stellte, und auf dem Speicher des Pfarrhauses solange aufbewahrt, bis der Wiederaufbau der Pfarrkirche so weit fortgeschritten war, dass mit der Rückübertragung begonnen werden konnte. Rasch stellte man fest, dass die Konche sowie die Fensterwangen und die unteren Fensterschrägen jetzt wesentlich andere Maße aufwiesen. Dabei handelte es sich bei dem Kultbild ohnehin schon um ein gigantisches Puzzle, bei dem die mit abgenommene Putzschicht entfernt werden musste, damit die Rückseite eben wurde. Das geschah durch Abklopfen mit einem Spezialhämmerchen bzw. durch Ablösen mit einem feinen Spachtelmesser.

Zwischen dem 25. Oktober 1955 und Juni 1956 wurde das konservierte und restaurierte Fresko auf den neuen Kalkmörtelputz übertragen. Da es sich vorrangig um die Erhaltung der Substanz handelte, blieb das Original vollkommen unberührt; kein Millimeter des alten Malguts wurde übermalt, nur die fehlenden Stellen zurückhaltend mit einer Lasur so eingestimmt, dass der Kalkputz noch durchschimmert. Das nahm sehr viel Zeit in Anspruch und ist vom Laien heute nicht erkennbar.

In diesem Apsisbild wird das Thema der "Majestas Domini" (Macht des Herrn) behandelt. Es stellt den thronenden Christus in der Mandorla dar, dem mandelförmigen Lichtkranz, der von den Symbolen der vier Evangelisten umgeben ist: Matthäus als Mensch, Markus als Löwe, Lukas als Stier und Johannes als Adler. Ein Motiv, das sich kunsthistorisch bis ins 5. Jahrhundert zurück verfolgen lässt.

Links und rechts von Jesus stehen Maria und Johannes, die bei ihm für die Menschen bitten. Christi Füße ruhen auf dem Kirchenbau.

In der unteren Hälfte des Freskos befinden sich die Bildnisse von heiligen Märtyrern. Vermutlich handelt es sich (v. l.) um Cassius und Gereon von Bonn, Viktor von Xanten und Florentius von Bonn. Ganz rechts wird Abt Wilhelm von Vercelli, der Namenspatron des Grafen Wilhelm IV. und Auftraggebers des Freskos, gezeigt. In den Fensterlaibungen sind heilige Jungfrauen dargestellt, deren Anfertigung aber wohl jüngeren Datums ist. Ganz verloren gingen die einst umfangreichen Ausmalungen im Kircheninnern.

Die ornamentale Malerei der Flachdecke des Mittelschiffs schuf Gangolf Minn aus Brühl. Er bemalte sie in Kratzputztechnik mit stilisierten Fischen, Brot und Vögeln in den Farben des Freskos. Die sparsame Farbgestaltung des Kircheninneren (rot, weiß und schwarz) wird hierdurch aber keinesfalls gestört.

Stand: 28.06.2019

Das Kreuz aus dem Altarsepulkrum

Die Pfarrkirche St. Johannes Baptist zu Nideggen wurde gegen Ende des Zweiten Hochaltar1900Weltkrieges durch Artilleriebeschuss sehr stark beschädigt. Sie wurde Anfang der 50er Jahre nach den Plänen des Architekten Heinrich Lauer wiederaufgebaut. Im Zuge der Arbeiten wurde der hinten im Chor unterhalb des Freskos stehende Hochaltar abgerissen. In seinem Unterbau fanden Bauarbeiter im Jahre 1953 im Altarsepulkrum (Reliquiengrab) ein kleines Kreuz und zwei Wachssiegel. Beide Objekte wurden, da sie offensichtlich sehr alt waren, dem Kunsthistoriker Prof. Albert Vermeer zur Begutachtung vorgelegt. Es handelt sich um ein aus Walrossbein geschnitztes 6,1 cm hohes und 4,2 cm breites Kreuz mit einem Corpus, dem die Arme fehlen.

Da es unverkennbar den Stileinfluss des 1000 Jahre alten Gero-Kreuzes im Kölner Dom zeigt und der Kölner Schule zugerechnet werden muss, datierte Prof. Vermeer die Entstehungszeit auf die Jahre 1060 bis 1070. Die beiden Wachssiegel konnten Bruno von Sayn zugeordnet werden, der von 1180 bis 1192 Prior der Kirche Maria ad gradus in Köln gewesen ist und als solSiegelSepulcrumcher gesiegelt hat. Zu dieser Zeit gehörte Nideggen zum Dekanat dieses Stiftes. Daraus resultiert die wahre Bedeutung dieser Funde: Sie lassen konkrete Rückschlüsse auf die Bauzeit der Kirche zu.

Beide Objekte müssen zur Altarweihe spätestens im Jahre 1192 dort eingemauert worden sein. Ob die Kirche bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich fertiggestellt war, muss offenbleiben. Da sie aber im Jahre 1219 – KreuzSepulcrumurkundlich belegt – dem Deutschorden geschenkt wurde und als Erbauer von Burg und Kirche Graf Wilhelm II. (1176 bis 1207) feststeht, muss die Bauzeit der Kirche in den Zeitraum von 1177 bis 1219 gelegt werden.

Die gefundenen Objekte fanden Erwähnung im Kirchenführer aus dem Jahr 1977, verfasst von dem damaligen Oberpfarrer Prof. Theo Schäfer; über den Verbleib fanden sich jedoch keine Hinweise.

Dies veranlasste uns, Margot und Jochen Groß, Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins Nideggen (HGVN), nach dem Verbleib zu forschen. Die Suche begann im Juni 2015. Wir konnten nach Rücksprache mit dem kürzlich verstorbenen Prof. Schäfer eruieren, dass Kreuz und Siegel in der Sakristei in einer Holzkiste mit der Aufschrift: „Baumkuchen“ zusammen mit Reliquienresten und einem Brustkreuz aufbewahrt worden waren. Diese Kiste haben wir gefunden, jedoch ohne Kreuz und Siegel.

Im Jahre 1976 übergab man das Pfarrarchiv dem Bischöflichen Diözesanarchiv in Aachen. Wir konnten das Übergabeprotokoll vom 17.02.1976 auffinden und Prof. Schäfer glaubte sich auf unser Befragen hin zu erinnern, dass die gesuchten Objekte mit dabei waren, obwohl sie explizit nicht erwähnt wurden. Die dortige Nachfrage und ein Besuch blieben ohne Erfolg; beide Objekte schienen dort nicht angekommen zu sein oder waren unauffindbar. Der Transporteur des Archivgutes, Herr H.J. Debye, war leider verstorben.

Wir setzten die Suche fort: Landeskonservator Prof. Udo Mainzer, Landschaftsverband Rheinland, Rheinische Denkmalpflege, Bischöfliches Diözesanarchiv Köln, Historisches Archiv des Erzbistums Köln, LVR-Museum Bonn und Nachfrage bei verschiedenen Verfassern von Literatur, die das Kreuz erwähnt hatten. Prof. Vermeer war ebenfalls verstorben. Wir konnten noch feststellen, dass das Kreuz im Schnütgen-Museum in Köln 1975 in einer Ausstellung gezeigt worden war; Hinweise auf den Verbleib fanden sich jedoch nicht. Also alles ohne Erfolg!

Die Suche zog sich bis zum November 2018, also über drei Jahre hin und wir glaubten schon, aufgeben zu müssen. Als letzte Möglichkeit blieb nur noch die Domschatzkammer Aachen übrig, obwohl wir im Diözesanarchiv schon gesucht hatten. Unsere Nachfrage mit einer genauen Beschreibung der Objekte brachte endlich den Durchbruch: Kreuz und Siegel konnten im Bunker des Depots gefunden und am 14.02.2019 dort von uns im Original besichtigt werden.

Margot und Jochen Groß
Mitglieder im Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V.

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